Ausgewählte Artikel über die Musik von Frido Frohsing
Nicht jeder Song braucht eine Geschichte. Manche leben von einem Gefühl, einem Bild oder einem einzigen Satz.
Aber manchmal merke ich beim Schreiben: Da fehlt jemand.
Jemand, der die Tür aufmacht. Der etwas will. Dem etwas passiert.
Bei meinem neuen Irland-Album "A PINT FULL OF LIMERICKS – Songs, Stories & Humour from an Irish Pub" war das ziemlich oft der Fall:
Da war zum Beispiel die Beobachtung, dass ein Guinness Zeit braucht. Es wird gezapft, darf sich setzen – und wer das zum ersten Mal erlebt, fragt sich vielleicht, warum der Barmann das halb gefüllte Glas einfach stehen lässt.
Man könnte darüber einen Song schreiben.
Interessanter wurde es für mich, als fünf Deutsche den Pub betraten. Einer zückte eine Stoppuhr. Ein anderer untersuchte den Schaum. Die Temperatur wurde kontrolliert, das Getreide gegoogelt. Fünf Pints standen auf dem Tresen – und niemand trank.
So entstand "You Can’t Drink Guinness with a Stopwatch".
Irgendwann schaut ein alter Ire auf die fünf unberührten Gläser und die Stoppuhr und bringt die Sache auf einen einfachen Nenner: Hört auf, das Guinness zu studieren. Trinkt es.
Natürlich geht es da längst nicht mehr nur um Guinness. Es geht auch um unsere wunderbare Fähigkeit, Dinge erst vollständig verstehen und kontrollieren zu wollen, bevor wir uns auf sie einlassen.
Aber genau das muss der Song nicht erklären. Die Geschichte erledigt es.
Lieber Menschen als Botschaften
Ähnlich war es bei "Don’t Take the Irish from Irish Coffee".
Man könnte lange darüber nachdenken, wie weit man etwas verändern kann, bis es seinen Charakter verliert. Oder man lässt einen Gast einen Irish Coffee bestellen – koffeinfrei, ohne Sahne, ohne Zucker und schließlich auch noch ohne Whiskey.
Am Ende stellt ihm der Barmann ein Glas heißes Wasser hin.
Manchmal ist eine Geschichte einfach die schönere Form eines Gedankens.
Das gilt übrigens nicht nur für das Irland-Album. Auch bei "Zwischn Alm und Alabama – Bavarian Country" habe ich gemerkt, wie gern ich Menschen und Situationen in meine Songs hole.
Mich interessiert weniger die musikalische Ansichtskarte. Ein Lied muss mir nicht erzählen, wie schön Irland oder Bayern ist. Spannender wird es, wenn dort jemand lebt, redet, sich irrt, übertreibt, staunt – oder auf eine Idee kommt, auf die keiner hätte besser kommen können.
Und die Musik erzählt mit
Ein Song ist dabei keine Kurzgeschichte, zu der anschließend Musik komponiert wird. Die Musik übernimmt selbst einen Teil der Erzählung.
Eine Fiddle kann auf eine Zeile antworten. Eine Pause kann eine Pointe vorbereiten. Ein plötzlich verstummendes Instrument kann mehr sagen als eine weitere Strophe.
Und manchmal wird aus einer kleinen Geschichte etwas Größeres.
Im Song "When the Pub Grows Quiet" passiert beispielsweise gar nicht viel: Ein alter Fiddler spielt leise. Nach und nach verstummt der Lärm. Molly, die sonst ununterbrochen Geschichten erzählt, hört plötzlich zu. Ein fremder Mann sitzt allein an der Bar, lauscht der Musik – und beginnt zu lächeln.
Auch das ist eine Geschichte.
Vielleicht mag ich erzählende Songs deshalb so gern. Ich muss nicht erklären, dass ich gelassener sein, anderen zuhören oder mich trauen möchte, einfach mitzumachen. Ich muss auch nicht behaupten, dass sich nicht alles im Leben verstehen und kontrollieren lässt.
Ich kann stattdessen die Tür zu einem Pub öffnen, ein paar Menschen hineinsetzen und schauen, was passiert.
Und dann geschieht im besten Fall noch etwas anderes: Die Geschichte gehört nicht mehr nur mir. Wer sie hört, kann darin etwas Eigenes entdecken. Vielleicht erinnert sie an eine Situation, in der man selbst viel zu lange nachgedacht hat, statt einfach anzufangen. Vielleicht an einen Menschen, bei dem man sich willkommen gefühlt hat. Vielleicht auch an einen Moment, in dem plötzlich Ruhe eingekehrt ist und etwas spürbar wurde, das vorher im Lärm unterging.
Oder eine Melodie weckt etwas, das sich gar nicht so leicht benennen lässt.
Davon erzählt mein Song "The Pipes Know the Way Home". Die Uilleann Pipes kennen darin den Weg nach Hause. Aber wo dieses „Zuhause“ liegt, sagt der Song nicht. Vielleicht ist es ein Ort. Vielleicht ein Mensch. Vielleicht eine Erinnerung. Und vielleicht hört jeder in derselben Melodie etwas anderes.
Genau das gefällt mir daran: Die Geschichte gibt etwas vor, aber sie legt nicht fest, was der Hörer darin finden muss.
Eine gute Songgeschichte erzählt also nicht nur etwas. Sie lässt Platz für die Geschichten derer, die sie hören.
Und vielleicht bleibt ein Gedanke gerade deshalb hängen.
Nicht weil er besonders klug formuliert wurde – sondern weil wir noch den Mann vor uns sehen, der mit der Stoppuhr neben seinem Guinness sitzt.